Donnerstag, September 03, 2009

Pappteller und Werbung

Irgendwo in Nordrhein-Westfalen, zwanzig nach sechs. Unser Bus befindet sich auf einem besseren Feldweg, der laut Schild die Zufahrt zum Gasteingang der PGW-Arena sein soll. Lange sieht es auch nach Einöde aus, doch dann erkennt man einen Kunstrasenplatz und dahinter einen Hügel und dahinter wieder ein Gebilde, was einem Stadion ähnelt. Nach knapp acht Stunden Busfahrt sind wir angekommen.

Im Stadion warten bereits einige Bekannte, die mit dem Auto angereist sind, auch einige FCS-Exilanten haben sich bereits von den Vorzügen der PGW-Arena ein Bild gemacht. Ein kurzer Plausch über die örtlichen Gegebenheiten, die daheimgebliebene Netzgemeinde und andere Dinge des Lebens beginnen den Stadionalltag. Mit Schrecken erkenne ich bereits jetzt, dass die Wurst mit Weißbrotscheibe auf Papptellern gereicht wird. Grausam.

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Auf der Gästetribüne bekomme ich so langsam Probleme, mir eine Meinung über das Stadion zu bilden. Einerseits steht man fast überdacht auf sauberen Stehtraversen bei hervorragender Sicht, andererseits gibt es kaum eine nicht-vermarktete Fläche und auch die Berieselung durch das Stadionradio macht mit Lautstärke ein Gespräch mit dem Nachbarn zum Kraftakt. Immerhin ist es nicht mehr weit zum Anstoß, das Fanradio stellt sein Außenmikrofon auf und die Spieler wärmen sich bereits auf.

Nachdem man mehr oder weniger peinliche Durchsagen des Stadionsprechers ertragen musste, geht es gleich los. Knapp 100 Saarbrücker verteilen sich im Gästeblock, die größte Ansammlung steht mittag und mit Fahnen und Doppelhaltern bewaffnet zum Anpfiff bereit. Was sich auf der Heimseite abspielt, lässt sich vom Gästeblock aus nur bedingt nachvollziehen, jedenfalls wird man außer einer Schwenkfahne und Trommeln keine Lebenszeichen vernehmen.

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Das Spiel beginnt, zum Unwohlsein aller FCS-Fans, ohne Markus Mann in der Abwehr. Die Innenverteidigung besteht aus Lerandy und Berrafato, für den gesperrten Rozgonyi übernimmt Weißmann die Rolle des Kapitäns.
Der FCS knüpft an die ersten 45 Minuten des Münster-Spiels an, streitet forsch um jeden Ball und setzt nach. Man wird sich jedoch schnell bewusst, dass der Heimverein ein anderes Kaliber besitzt und kann sich so glücklich schätzen, dass die frühe 1:0-Führung der Gäste aufgrund einer Abseitsposition nicht zustande kommt.
Im Laufe des ersten Durchgangs entwickelt sich ein deutliches Übergewicht an Chancen für den FCS. Der erste Versuch von Petry geht noch meterweit neben das Gehäuse von Torwart Poggenborg, die nächsten Versuche nähern sich immer gefährlicher dem Tor. Ob sich das Tor zur Werbewand im Rücken wie ein Chamäleon zu seiner Umgebung verhält, wird in diesem Zusammenhang vielleicht eine Frage sein, die man bei Gelegenheit mal untersuchen sollte, jedenfalls vergibt der FCS seine Chancen fahrlässig. Nico Weißmann bekommt in mehr als abseitsverdächtiger Position den Ball frei vor dem Tormann zugespielt und schießt, ausgleichender Gerechtigkeit halber, den Schlussmann an. Kurz darauf köpft Michael Petry einmal nicht auf die Torwand, sondern die Unterkante der Latte. Zu diesem Zeitpunkt ist eine FCS-Führung eigentlich verdient.

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Wie so oft in diesem Leben rächt sich auch dieser Gedanke, als sich weder Otto noch Lerandy für den Lotter Spieler zuständig fühlen, der über die linke Seite des Platzes marschiert und den Ball in den Strafraum passt, wo Florian Dondorf zur 1:0-Führung einschiebt. Der Genickbruch erfolgt keine zwei Minuten später, als Danny Arend von seinen Gegenspielern nicht angegriffen wird und aus 16 Metern den Ball ins Tor schlenzt. Innerhalb von zehn Minuten verspielt der FCS nicht nur die Chance auf einen Auswärtssieg, er besiegelt sogar die eigene Niederlage.

Etwas bedient schlendere ich zum einzigen Verkaufsstand, an dem Rostwürste im Gästeblock verkauft werden. Mit tiefem Unwillen nehme ich die Wurst auf dem Pappteller nebst ungetoastetem Weißbrot entgegen. Obwohl der Brätling ausgezeichnet schmeckt, frage ich mich, warum so viele Menschen in Deutschland lieber mit fettiger Wurst umständlich herumwerkeln, statt das Teil einfach in ein Brötchen zu legen. Bevor ich mir weiter diese essentielle Frage des Lebens stellen kann, ist die Wurst dann auch schon gegessen und das Stadionradio verkündet eine Spielunterbrechung bei der Partie Mannheim - Kaiserslautern II. Einige kommentieren dies, ob man nicht doch besser dorthin gefahren wäre, des Spektakels wegen.

Nach der Pause übt sich der Gästeblock weiter in Anfeuerung, während der FCS eine Ecke der Hausherren erwartet. Der Ball kommt herein, der Torschütze des 2:0, Arend, köpft den Ball auf das Tor und ein FCS-Spieler klärt in letzter Sekunde. Während sich auf der Tribüne nun alles erregt und im Gästeblock erst einmal tief Luft geholt wird, wedelt der Schiedsrichterassistent mit seiner Fahne und rennt zur Mittellinie. Mit blankem Entsetzen wird den anwesenden Saarbrückern bewusst, dass gerade das 3:0 gefallen ist. Die Spieler protestieren, der Block tobt und beschimpft den Linienrichter, aber all das nutzt nichts. Letztlich bleibt das Urteil darüber, ob der Ball wirklich die Linie in vollem Umfang überschritten hat, schwer nachzuvollziehen, da hier Bruchteile einer Sekunde entschieden. Möglicherweise bleibt es eine der wenigen richtigen Entscheidungen des Schiedsrichterassistenten, in der Folge hebt der neue Freund des Gästeanhangs die Fahne verdächtig oft erst nach dem Zurufen des Blocks. Oder auch garnicht, wie nach einer Bananenflanke, die in der Luft die Torlinie überquert und ins Feld zurückfindet.
Das dritte Tor bedeutet gleichzeitig vollkommene Frustration und Lustlosigkeit auf Seiten des FCS. Dieter Ferner bringt zwar noch Marcel Schug, Sammer Mozain und Mike Brückerhoff, aber auch diese beleben nicht das stark abgestumpfte Spiel. Lotte kommt noch zu gelegentlichen Vorstößen, die allesamt ohne weiteren Torerfolg enden. Am Ende ist selbst der Gästeblock verstummt und nach Abpfiff eher erleichtert.

Die Mannschaft wird kurz verabschiedet, nur Nico Weißmann und Sammer Mozain begeben sich zum Zaun und wirken mehr als bedient. Das ist man auch bei Abreise. Aus Lotte nimmt man die Erkenntnis mit, dass die Rostwurst in den Weck gehört, dass der FCS zu fahrlässig mit seinen Chancen umgeht und dass knapp 900 Kilometer Busfahrt besonders dann schlauchen, wenn man gerade verloren hat.

Kommentare:

Alex hat gesagt…

Porzellan-Teller sind bei uns verboten, Wurfgeschosse, deswegen die Pappe ;)

Aber Spaß beiseite. Generell gehen die Geschmäcker weit auseinander und wir haben uns, eigentlich in fortgeführter Weise, dazu entschieden, Pappen zu verwenden.

Ich selber bin, wie viele andere ebenso, der Meinung, eine Wurst muss nach Wurst schmecken und nicht nach Wurstbrötchen. Ich bestelle ja eine Bratwurst. Ein Brötchen verfälscht den Geschmack ab dem Punkt, wo die beiden Enden abgebissen sind. Spätestens dann fummel ich das Dingen so raus, dass ich es ohne die Brötchen-Pampe essen kann, um danach - die gute Erziehung - noch ein bisschen meinen "Teller" leer zu essen.

Sonne scheint trotzdem nicht und meistens landet das halbe Brötchen im Mülleimer. Muss doch auch nicht sein! Außerdem macht so ein Brötchen nur unnötig satt und wer lieber ne zweite Wurst will, der überlegt es sich dann doch.

Der Lager- und Kostenfaktor ist da ja noch gar nicht inbegriffen.

Außerdem, mögen es die Leute so und das ungetoastete Toast dient zum Halten des heißen Würstchens. Wäre das getoastet, würde es ja auseinander brechen ;)

Ich werde bei euch aber auch ein besonderes Augenmerk auf die Wurst haben im nächsten Jahr!

Berufliches Interesse ;)

Viele Grüße vom Würstchen-Caterer aus Lotte!

Carsten hat gesagt…

Danke für den Kommentar und noch mehr die interessanten Ansichten!

Zum Punkt mit dem Toastbrot, um mal irgendwo anzufangen, muss ich sagen, dass es mir in der Hand direkt auseinanderbröckelte, obwohl es ungetoastet war. Es war damit keine große Hilfe mehr die Wurst zu Halten.

Zustimmen kann ich in dem Punkt, dass der Geschmack der Wurst dadurch nicht verfälscht wurde und, so einstimmig auch das Echo im Gästeblock, der hat auch gestimmt.

So wirklich gut die Wurst war, bei uns Saarländern ist das Brötchen halt Gewohnheit. Zuerst halt, weil es das Halten vereinfacht. Bei der städtischen Pommesbude sind Teller sicher kein Beinbruch, allerdings ist die Wurst im Brötchen beim Fußball praktischer, weil man ja oft im Gedränge steht, gerade im Gästeblock.

Dann würde ich auch noch behaupten, dass ein schlechtes Brötchen eine Wurst abwertet, aber frische, gute Brötchen so manche Wurst noch aufwerten können. Persönlich find ich beides untrennbar und das Brötchen nicht als reinen "Sattmacher", aber ist auch Geschmackssache, wie fast alle Fragen in diesem Thema.

Falls unser Verein nächstes Jahr nochmal vorbeikommt, würden Brötchen sicher gut ankommen, geschmacklich waren viele schon diesmal sehr zufrieden!

Viele Grüße zurück

Alex hat gesagt…

Dann meldest du dich vorher bei mir und bekommst dann quasi eine Extrawurst ;)

Ne ist schon richtig, gibt viele lokale Geschmäcker, etc. Bei den einen gibt es viele dunkle Würste, bei den anderen lange, dicke, dünne, etc.

Wenn ihr mit mehr Leuten gekommen wärt, dann hätten wir da auch vernünftige Theken aufgebaut (unser Stadion steht dem etwas nach) und es gäbe noch Pommes und eine wirklich viel gelobte Currywurst und Riesenbrezeln.

Generell werde ich aber ziemlich sicher diese Saison auf Brötchen verzichten, weil bei uns einfach ein Lagerproblem hinzu kommt. Außerdem wird es dann mit Sicherheit vorkommen, dass am Ende des Spiels auch einige Brötchen über bleiben und das ist wirklich rausgeworfenes Geld bei den Brötchenpreisen.

Freut mich aber, dass euch die Wurst geschmeckt hat, denke wir gehören damit auch zu den besseren Stadionwürsten, weil Kinnius (Hersteller) ist wirklich gut!

Was mich bei euch außerdem gefreut hat war, dass ihr etwas mehr Stimmung in die Bude gebracht habt! Bei so einem Rückstand noch so anzufeuern hat nicht nur mich beeindruckt! Sollte bei uns eigentlich auch mal so werden, aber bei 4000 Einwohnern finden sich noch nicht so viele Fans, aber das muss wachsen ;)

Alex hat gesagt…

Achso, noch ein Tipp zum Halten: einfach die Wurstpappe doppelt knicken und um die Wurst wickeln, das geht auch wunder bar ;) Mach ich immer, wenn ich mal eine "To-Go" brauche beim Arbeitsstress^^

Hugo hat gesagt…

Du hast eine sehr gute Ausdrucksweise, gefällt mir gut. Also ehrlich, ich beschreib den FCS ja gerne als sportliche Lachnummer des Saarlandes, wobei das eine persönliche Geschichte zwischen dem Verein und mir ist, doch muss ich sagen: HUT AB!; 900km in der heutigen Zeit für den Verein und die Mannschaft (während der Woche) zu fahren, dass verdient RESPEKT! - Daher sind Du und die 100 Anhänger des FCS, die Helden des Monats für mich.

Nun denn, weiter so und viel Glück dem FC Saarbrücken.

Grüsse
Hugo

Carsten hat gesagt…

@Alex

Bei der Ligazusammensetzung dürftet ihr ja bei den vielen Mannschaften aus NRW zumindest mit deren Anhängerschaft keine Probleme mit Papptellern und Weißbrot haben. Schade ist halt nur, dass in dieser Liga so viele Zweitvertretungen spielen.

Bei der Länge der Fahrt wäre es wohl allen lieber gewesen, sowohl FCS-Anhängern als auch dem Heimverein, das Ganze an einem Samstag stattfinden zu lassen. Das am Mittwoch war sozusagen der "harte Kern" der Auswärtsfahrer, nebst Exil-Fans oder Leuten wie mir, die der Umstände halber einfach Zeit hatten.

Den Tipp probier ich mal aus, sollte ich irgendwann wieder in die PGW-Arena kommen. Dann melde ich mich auch vorher ;)

@Hugo

Danke für's Lob, auch wenn ich mir immer sage, dass man gerade dann, wenn man für alle anderen die "Lachnummer des Saarlandes" ist, zum FCS stehen sollte. Wenn man dann noch stolz auf seinen Verein ist oder zumindest den nötigen Galgenhumor hat, nimmt man den vermeintlich Lachenden den Wind aus den Segeln. Das sind nämlich meist die Leute, die den Wind brauchen, um die eigene Richtung zu finden ;)

Alex hat gesagt…

Ja, die Zweitvertretungen...aber wir bringen auch nicht wirklich mehr Zuschauer mit, aber das ist eine andere Sache ;)

War heute in Verl und habe neben dem Grottenkick natürlich auch die Bratwurst getestet. Im Vorfeld wurde die extrem gelobt und im Forum von Preußen Münster sogar als die beste in der ganzen Liga gepriesen...

...nach dem Test waren wir einheitlich der Meinung, dass die Wurst ein Reinfall ist. Maximal eine 3+ würde die von mir bekommen.

Die Wurst wurde auch auf Pappe gereicht, was ich aber ja nicht schlimm finde. Viel interessanter aber war etwas anderes: die Pappe war orange und bedruckt! Das finde ich so klasse, dass ich jetzt mit Hochdruck nachforsche, wo ich sowas her bekomme, nur leider spukt da Google (wie immer) nicht sehr viel aus...

Meld dich einfach wenn du wieder da bist bei uns in der Geschäftsstelle, die werden das schon weiterleiten.

Glückwunsch zum Sieg!